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Ansprache des Bundesministers des Innern, Hans-Dietrich Genscher, zur symbolischen Verleihung der Zelter-Plakette und der Pro Musica Plakette am 24. März 1974 in Hannover

Meine verehrten Damen und Herren,

als ich die lange Liste der Vereine sah, die in diesem Jahr mit der Zelter-Plakette oder mit der Pro-Musica-Plakette ausgezeichnet werden, fiel mir auf, wie viel Kontinuität es in unserem oft als geschichtslos beklagten Lande doch gibt.

184 Chöre und Instrumentalgruppen bestehen hundert Jahre, und viele hundert Vereine, Singgemeinschaften, Laienorchester, bestehen noch viel länger. Viele Bürger identifizieren sich mit dieser Form der Gemeinschaften - und dann doch wohl auch, mit der Geschichte. die sie verkörpern. Das mag vielen nicht einmal übermäßig stark ins Bewußtsein dringen, für mich jedenfalls ist diese eindrucksvolle Kontinuität einer der Stränge, die unserer Gesellschaft die Verwurzelung in der eigenen Geschichte und auf diese Weise einen inneren Zusammenhalt ermöglichen.

In dieser starken Kontinuität aber wird auch der Wandel sichtbar, den Staat und Gesellschaft einerseits, den aber auch Bürger und Geselligkeit andererseits vollzogen haben. Wenn ich einzuschätzen versuche, welche Rolle die Chöre und Musikvereinigungen, als sie vor hundert Jahren gebildet wurden, im damaligen Staate in der damaligen Gesellschaft einnahmen - und wenn ich es vergleiche mit der Rolle oder Funktion, die Sie heute innehaben, dann fällt dieser Wandel ins Auge. Die Gründungszeit der Vereine, die in diesem Jahr ausgezeichnet werden, fällt in eine Epoche, in der im wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Bereich eine wahre Flut von Initiativen losbrach - so heißt diese Epoche auch die "Gründerzeit", und etwas von ihrem Geist weht uns an, wenn wir uns die Namen der Vereine aus jener Zeit ansehen - der bezeichnende Name lautet "Eintracht".

Diese Namensgebung deutet an, wie sehr die kurz zuvor erfolgte Lösung der nationalen Frage in Deutschland auf alle Lebensbereiche der Menschen ausstrahlte.

Diese Vereine waren auf eine ganz einfache Weise politisch: Patriotismus beseelte sie, das "Vaterland" war ein ganz selbstverständlicher Wert, "vaterländische Lieder" waren Ausdruck echter, noch nicht enttäuschter und noch nicht mißbrauchter Empfindungen.

Das Programm eines Festkonzerts von 1874 würde uns heute mit Recht absonderlich vorkommen - die Einheit von Lied und Empfindung ist für uns nicht mehr wiederzugewinnen - auch das hat eine politische Wurzel: Vereinigungen dieser Art, musische Zusammenschlüsse also, verstanden sich als Teil eines Staatsverständnisses, als Träger und Vermittler eines Staatsgedankens: Volk und Staat.

Das Lied, das sie sangen, war stets ein deutsches Lied, es war, gestatten Sie mir die Bemühung von Kurt Tucholsky, "le lied", immer eine vom Volksgedanken, vom nationalen Bewußtsein getragene Melodie. Das war nicht sehr völkerverbindend, nicht geradezu grenzübergreifend. Hier wollte eine Nation sich finden, und das Lied war ein Mittel dazu. Auch im romantischen Lied klang immer das Echo jener Aufbruchsstimmung einer noch jungen Nation nach. Das sage ich gar nicht kritisierend, weil ich es nach meinem Geschichtsverständnis gar nicht bemängeln kann und will.

Pro Musica-Plakette 1974 - für Verdienste um instrumentales Musizieren

Wir sollten stets versuchen, Geschichte aus sich heraus zu verstehen und nicht unter der erst hundert Jahre später vorhandenen Kenntnis zu deuten. Und unverkennbar ist, daß sich die Deutschen damals als Volk im Aufbruch und nicht als Gesellschaft im Überfluß verstanden.

Das rauschhaft Emporstrebende und das Romantische, wie ich es einmal bezeichnen möchte, ist Wesensmerkmal der jungen Staatsnation gewesen. Die gesamte wilhelminische Epoche schwankt zwischen diesen Strömungen hin und her. Das heißt nun nicht, daß jeder einzelne unserer Urgroßväter, wenn er sang, immerzu nur daran gedacht hätte. Für ihn war es auch zuerst - fast liegt mir auf der Zunge zu sagen: Steckenpferd oder neudeutsch Hobby.

Doch auch in einem so unbewußten Wortgebrauch spiegelt sich die Sinnänderung der Chöre von damals. Es war damals wohl eine der wenigen Möglichkeiten, sich nach einem langen Arbeitstag auf anderes zu besinnen.

Das Angebot der Zerstreuung war wohl um einiges bescheidener als heute - ob man das auch von den Möglichkeiten zur Selbstfindung sagen kann, wage ich zu bezweifeln. Auf jeden Fall war der Weg zum Chor oder zum Orchester fast unvermeidlich, wenn die Musikalität ausreichte, ein Verein bestand und die Neigung vorhanden war.

Anders als damals ist der Weg in einen Chor oder in einen Verein heute ein Entschluß. Denn im reichen Angebot für die Freizeit, vom Kino über das Fernsehen, von der Turngemeinschaft, der Gymnastik- und der Schwimmstunde, vom Abendbummel durch erleuchtete Straßen bis zu Bastelei, vom Konzert bis zum Pop-Abend, von der Hobby-Töpferei bis zur Angebot an Wochenend-Ralley - in diesem Angebot an Versuchungen und Möglichkeiten braucht es wirklich einen Entschluß, der Mädchen und Jungen, Frauen und Männer zu einem Chor oder zu einem Orchester führt. Das ist etwas, was Sie, meine Damen und Herren, eigentlich hoffnungsvoll stimmen müßte, zumal die Tendenz, wenn ich sie richtig sehe, ohnehin alle die Unternehmungen begünstigt, die die Begegnung und das Zusammensein von Menschen voraussetzen und herbeiführen wollen.

Dieses ist ein wirklicher Wandel Ihrer Funktion - denn die Menschen, die zu Ihnen kommen, mögen vielleicht Nostalgie-anfällig sein, aber sie wollen Selbstverwirklichung. Und diese Menschen sind kritische Bürger, sie sind anspruchsvolle Bürger.

Sicherlich sind sie unbequemer als ihre Vorfahren. Und sie prüfen den Ton, den sie anschlagen sollen, eben aus ihrer rationalen Einsicht. Der süße Kitsch, das tönende Pathos hat bei ihnen geringere Chancen. Beides wird von unseren Erfahrungen nicht mehr gedeckt. Was die Großväter gläubigen Herzens sangen, wird von dem modernen Menschen nicht kritiklos angenommen.

Diese Veränderung des Motivs - und ich sage noch einmal: es braucht keine bewußte Veränderung zu sein - hat Ihre Rolle in der Gesellschaft verändert. Es ist nicht umgekehrt, wie manchmal vermutet wird.

Wenn es eine Krise des Laienmusizierens gab, dann doch wohl deshalb, weil eine kleine Zahl den Verein immerzu als in die Wirklichkeit hinübergerettete Vergangenheit, als scheinbar heile Welt, ansah.

Die Diskrepanz zwischen diesem Verständnis und dem eigentlichen Bedürfnis war die Krise der Vereine. Sollte sie ihrem Ende zu gehen, so nur deswegen, weil sich diese Diskrepanz verringert.

Worin also liegt die Bedeutung Ihrer Vereinigungen?

Ich sehe sie zuerst im Individuellen: individuell in ursprünglichen Wortsinn, individuell in der Körperschaft und individuell in Staate und in der Gesellschaft. Individuell im ursprünglichen Wortsinne: damit meine ich, daß sich in ihnen der einzelne Bürger verwirklichen kann, daß er zu sich finden kann.

Zu singen oder zu musizieren ist die Bereitschaft, seine Gefühlswelt bekannt zu machen, zu veräußerlichen, zusammen in einer Gemeinschaft Gleichgesinnter. Im homo ludens, im spielenden Menschen., äußert sich die volle Persönlichkeit. Und dort erfüllt sie sich. Musik und Gesang werden so verstanden nicht zu Zufluchtsstätten, in denen sich Menschen ihren zivilen Sektor schaffen - oft limits für Fremde.

Um in der aus der Besatzungszeit stammenden Sprache zu bleiben: Musik und Gesang dienen der Fraternisation, der freien Entfaltung und Begegnung mit Menschen.

Hierin sehe ich das Individualistische der Körperschaft: daß sie als Organ an die Öffentlichkeit tritt und einen Bereich des Lebens gemeinschaftlich artikuliert.

Wenn ich vorhin auch von der Individualität Ihrer Vereinigungen in Staat und Gesellschaft sprach, so meine ich etwas, das man bei der knappen historischen Einordnung ihrer Vereinigungen nicht außer acht lassen darf: Vereine waren Vorformen unserer Demokratie. Und sie waren soziale Republiken.

Der zünftige Historiker wird dies vielleicht für einen zu gewagten Satz halten. Soziologisch betrachtet waren die heute hundert Jahre alten Vereine in ihren Anfänger Einrichtungen des kleinen und mittleren Bürgertums, aber sie waren gleichzeitig offen, und das in einer Gesellschaft, in der die soziale Schichtung dem Einzelnen doch fast unüberwindbare Grenzen setzte.

In den Chören und Musikvereinen fanden sich Bürger, Handwerker, Bauern und Proletarier - gleichwie ihr politischer Rang damals war: wenigstens in diesen Formen wurde für Stunden eine sicher verletzliche und verletzbare Gleichheit der Menschen erkennbar.

Sie ist heute zum tragenden Prinzip unserer Gesellschaft überhaupt geworden. Die Chance des Einzelnen muß gewahrt sein - Unterschiede der Menschen bleiben bestehen. Und das muß auch so sein.

Gleiche Ergebnisse bedeuten Uniformität. Und sie setzen auch Uniformität voraus. Soziale Republiken sind die Vereine heute nicht mehr, denn sie sind nicht mehr Inseln der Gleichheit in einem Heer der Ungleichheit. Sie sind Teil der demokratisch geformten Landmasse Bundesrepublik Deutschland. Und dieser Staat braucht zur Existenz genau das, was Ihre Vereinigungen brauchen: er braucht die Bereitschaft seiner Bürger zur Identifizierung. Er braucht ihre Mitwirkung. Er braucht ihr Engagement. So wie sich im Verein der Einzelne verwirklichen kann und dabei lernen muß, daß seine Stimme die der Freunde nicht übertönt - was solistische Leistungen nicht ausschließt, aber die, meine Damen und Herren, brauchen wir auch im Staat - so muß sich auch das gesellschaftliche Verhalten des Einzelnen üben.

Er muß seine Kraft zügeln, wo sie ihm überzuschießen droht: sei es auf der Straße, wo Leistung durch Disziplin gebändigt werden muß, sei es im Geschäftsleben, wo der schiere Egoismus dort seine Grenzen finden muß, wo andere ausgebeutet oder entrechtet werden, sei es im Politischen, wo der Gegenchor, vergleichbar einem Kanon, irritieren mag, wo er aber gleichwohl zum Rhythmus unserer politischen Melodie gehört. Ich denke, daß der Verein, und besonders der um Kulturpflege bemühte Verein, heute wieder die Chance hat, ein tiefes Bedürfnis der Menschen zu erfüllen. Die Sehnsucht nach der Nation, die Freude über ihre endlich erreichte Einheit führte vor 100 und mehr Jahren zu den Vereinsgründungen der "Eintracht", der "Harmonie" - der "Germania" nicht zu vergessen.

Was den Menschen heute zum Verein führt, ist die Sehnsucht nach Kommunikation, nach Mitmenschlichkeit. Im Zeitalter der Massenkommunikation beginnen wir, den Wert des unmittelbaren menschlichen Kontaktes wieder zu schätzen. Massenkommunikation verläuft in einer Einbahnstraße, der Einzelne wird zum bloßen Konsumenten, der Dialog ist ihm abgeschnitten. Auf Dauer reicht das eben nicht.

Es gibt erschreckende Forschungsergebnisse über das soziale Wohlbefinden der Menschen in den so zahlreichen falsch, nämlich als Beton-Wohn-Wüsten geplanten Trabantenstädten und Vorstadt-Siedlungen. Die Menschen dort bemängeln das Fehlen einer sozialen Struktur - vom Kindergarten und vom Altenklub bis zum Verein. Und selbst der eigenen Initiative sind Grenzen gesetzt. Wo sollte etwa ein Gesangverein in einer Neubau-Siedlung seine Proben abhalten? Der humane Städtebau, wie wir ihn heute kennen und fordern, weiß, daß wir im Begriff waren, unsere soziale Infrastruktur, die eben wesentlich von Vereinen getragen wird, zu zerstören. Ich glaube, die Neubesinnung kam gerade noch rechtzeitig.

Das ist die Chance des Vereins, und die Chance des Kulturvereins möchte ich an einem anderen Beispiel zeigen: wenn im Jahr 1974 in einer Großstadt ein !Museum zur römisch-germanischen Geschichte nun schon seit Wochen von den Besuchern gestürmt wird, wenn es wegen Überfüllung schließen muß, dann zeigt das eben, daß sich das kulturelle Betätigungsfeld in unserer Gesellschaft noch nicht auf das Ein- und Ausschalten des Fernsehgeräts reduziert hat, sondern daß noch ein unmittelbares Bedürfnis zur Begegnung mit der Kultur vorhanden ist. Sie sehen, meine Damen und Herren, ein Verein ist mehr als ein Zusammenschluß Gleichgesinnter. Er ist Spiegelbild seiner Zeit und manchmal ist ihre Summe der Vorreiter großer Veränderungen.

Daß Sie in all diesen Veränderungen etwas vom Schönsten unserer Kultur bewahren, pflegen und weitergeben - diese bare Selbstverständlichkeit zu formulieren, wollte ich Ihnen nicht zumuten.

Mir lag daran, Ihnen etwas von meinem Verständnis Ihrer Arbeit zu sagen und auf diese Weise mündlich begründen, was die Zelter-Plakette symbolisch würdigt. Lassen Sie mich damit zur symbolischen Verleihung der Zelter- und Pro Musica Plaketten kommen.

Die Zelter-Plakette erhält der Männergesangverein Bergen von 1874 aus Bergen Landkreis Celle, die Pro Musica Plakette die Hannoversche Orchestervereinigung hier aus Hannover.

Ich darf die Vertreter der Vereine zu mir bitten, um Ihnen Urkunde und Plakette auszuhändigen. Ihnen und den Vereinen, für die Sie die Plakette hier symbolisch entgegennehmen, spreche ich zugleich in Namen des Herrn Bundespräsidenten meine Anerkennung und meine Glückwünsche aus.

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   Stand 03. 02. 2011