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Eindrücke von der Konzertreise der Hannoverschen Orchestervereinigung nach Polen (11 bis zum 14. Juni 1994)

Was müssen ca. achtzig Mitglieder eines Liebhaberorchesters tun, um erstmals in der über hundertjährigen Geschichte des Orchesters eine größere Konzertreise ins Ausland zu unternehmen? Sie wählen - ebenfalls erstmals in der Geschichte des Orchesters - eine Frau als Vorsitzende, die in über einjähriger zäher Vorarbeit eine unvergeßliche Reise mit Konzerten in Wroclaw - dem ehemaligen Breslau - und in Walbrzych - dem ehemaligen Waldenburg - organisiert. Kontakte mußten gesponnen, Gelder beschafft, ein großer Reisebus gechartert, Quartier für ca. 50 Mitreisende möglichst unter einem Dach gemacht werden, um nur einige der wichtigsten Dinge zu erwähnen.

Es gab weitere, nahezu unüberwindliche Schwierigkeiten, die nur eine Frau mit viel Charme überwinden konnte: Die Hannoversche Orchestervereinigung besteht aus Laienmusikern, die alle ihrem Beruf oder ihren Studien nachgehen müssen Trotz langfristiger Vorbereitung und Vorplanung konnten nicht alle Mitglieder mit auf die Reise gehen Was machte unsere Vorsitzende in ihrem Einfallsreichtum ? Sie nahm Kontakt zu dem "Sudeten - Orchester" in Breslau auf und bat um kooperative Mithilfe durch ausgewählte Musiker dieses Berufsorchesters! Gerade die kurze, intensive gemeinschaftliche Probenarbeit und die beiden Konzerte, durchgerührt von uns Laienmusikern aus Deutschland und den "Profis" aus Polen war ein besonderes "highlight" unserer Reise!

Ein Konzertprogramm sollte seinen Höhepunkt in einem großen Orchesterwerk mit einem Soloinstrument finden. Auch hier mußte möglichst etwas Außergewöhnliches organisiert werden; für unsere Vorsitzende nichts leichter als das. Mit dem zwölfjährigen Wunderkind Andreij Bielow als Solisten des Violinkonzerts von L. v. Beethoven spielte mit uns ein "kleiner", großartiger Künstler, den wir alle schnell in unser Herz geschlossen hatten - übrigens auch die Zuhörer .... Er spielte "wie ein alter..."

Aber auch die kleinen "Nebensächlichkeiten" unserer Konzertreise erscheinen durchaus erwähnenswert. Alle, die mitgefahren sind oder mit uns musiziert oder sonst mit uns zusammengearbeitet oder gefeiert haben, waren begeistert Und das soll bei einem so kritischen Haufen mit so unterschiedlichen Charakteren, wie sie in unserem Liebhaberorchester gemeinsam musizieren, etwas bedeuten!

Pünktlich um sieben Uhr am 11. Juni fuhren wir vom Zentralen Omnibusbahnhof ZOB in Hannover mit einem sehr bequemen Reisebus gen Polen - bei strahlendem Sonnenschein (auch im Herzen!). Nicht nur die vielen Gespräche während der Fahrt, besonders auch die "Essenspausen" mit den von einigen unserer Orchestermitglieder liebevoll für alle (!!) vorbereiteten Speisen und Getränken und die sonstigen P...ausen brachten uns in eine fröhliche, gespannte Stimmung: Was würden die nächsten Tage bringen? Wie würden wir wohl untergebracht werden? Würden wir uns alle vertragen?

Wer hatte nicht beim Grenzstop und der längeren Wartezeit vor der Einreise nach Polen ein eigenartiges Gefühl - auch im Rückblick auf unsere unsägliche Ost-/West Vergangenheit?!?

Als wir gegen 20 Uhr in Breslau endlich dem Bus mit unseren Instrumenten, Taschen und Koffern entstiegen, dachte mancher, nun käme wahrscheinlich die "Schlacht" um die schönsten Zimmer, besonders die "Einzel"-zimmer Das Gegenteil trat ein: mit fröhlicher, gelassener Disziplin nahm jeder den Schlüssel für seine Schlafstelle entgegen. Auch zu den Proben waren wir alle ungewöhnlich pünktlich zur Stelle. Wären wir doch bei unseren wöchentlichen Proben so diszipliniert!

Das erste Abendessen in dem mit den höchsten Errungenschaften des realen Sozialismus ausgestatteten, die besten Erwartungen "hervorlockenden" Hotel erschien nicht wenigen von uns nicht gerade typisch für eine "funktionierende Planwirtschaft" - oder gerade im Gegenteil? Aber satt wurde im Verlaufe des Abends jeder von uns, zumal alle über hinreichend zusätzliche Verpflegung von zuhause verfügten - und das nicht nur für diesen Abend. Dafür war die ruhige, unaufdringliche, hingebungsvolle, immer freundliche Betreuung unserer von uns allen geliebten Managerin Alicia einfach "super"!!! Trotz eines eingegipsten Armes war sie - häufig assistiert von ihrem Verlobten - von der ersten bis zur letzten Minute unseres Aufenthalts um unser aller Wohlbefinden bemüht, und das in jeder Situation: angefangen bei der Zimmerverteilung über die Organisation der Mahlzeiten, die Stadtbesichtigungen, die Besorgung von Fahrkarten für Bus und Bahn, Postkarten bis zu Briefmarken und Telefonkarten, die Beschaffung von Stühlen und Pulten bei unseren Proben und Konzerten, die Suche nach der richtigen Fahrtroute für unseren Bus - besonders in bezug auf die Durchfahrten bei den für unseren Bus etwas zu niedrig ausgebauten Brückenunterführungen - das Ausfindigmachen intakter Telefonzellen ...; natürlich nicht zuletzt und immerzu beim Dolmetschen überall und in jeder Situation stand uns "unsere Alicia aus dem Wunderland" mit ihrem freundlichen, offenen Wesen bei! Mögen einige von uns Männern im Stillen gedacht haben: Schade, daß sie schon verlobt ist und (wirklich ?) in den nächsten Wochen heiraten will - was sie, wie kundige Stimmen zu berichten wissen, auch getan hat, natürlich ohne "Gipsarm", um ihren Mann so richtig in den Arm nehmen zu können...

Die Proben mit den polnischen Musiker-"Kollegen" und unserem russischen Solisten waren ein weiteres bleibendes Erlebnis unserer Reise, besonders das "Zusammenspiel" unseres 12jährigen Kindes mit seinem Lehrer und uns. Wem von uns fällt da nicht Andreijs spontane, kleine Ansprache in deutscher und englischer Sprache nach unserem zweiten Konzert in Waldenburg ein!

Während das erste Konzert in Breslau in dem nicht gerade überfüllten Konzertsaal des Rundfunks auch in unseren Ohren noch das eine oder andere zu wünschen übrig ließ - die Hörer dagegen empfanden unser Musizieren ganz anders: viel schöner - etwa wie ein Konzert der Berliner Philharmoniker. Beim zweiten Konzert in dem bis auf den letzten Platz gefüllten umgebauten Kinosaal in Waldenburg war eine erhebliche Qualitätssteigerung unseres Orchesters zu vermelden - wie unser Chefdirigent zu sagen pflegt: "Da war schon viel Schönes dran"!...

Die gemeinschaftlichen festlichen Abende mit den Mitgliedern des Akademischen Chores der Technischen Universität Breslau und den Musikerkollegen aus dem Sudeten-Orchester brachten uns nicht nur in den Gesprächen näher, sondern auch das gemeinsame Singen und die "Festreden" lockerten unsere Anspannung und sorgten für eine fröhliche, gelockerte Stimmung - ein wenig auch der Tee nach getaner Arbeit oder für den einen oder anderen von uns auch der Alkohol?!

Jeder von uns hat seine persönlichen Eindrücke von dem schwer kriegszerstörten, liebevoll wiederaufgebauten Breslau - dieser kurz vor ihrem Fall noch von den Nazis zur "Festung" ausgerufenen Stadt, die danach erst durch Bomben nahezu vernichtet wurde Diese Erlebnisse mußte jeder von uns auf seine Weise verarbeiten! Insofern war unsere erste Orchesterfahrt eine Reise auch in eine bedruckende, nachdenkenswerte Vergangenheit, aber ganz überwiegend mit vielen schönen, erfüllenden Eindrücken und neu keimenden Plänen - zugleich der erste Schritt für neue Aktivitäten. Gut, daß wir eine so ideenreiche, tatkräftige Chefin haben! Mal sehen, was sie sich als nächstes ausdenkt...

Wie nachhaltig wir mit unserer Orchesterarbeit durch unsere Reise "gewonnen haben", konnten unsere vielen Zuhörer bei unserem dritten Konzert mit dem gleichen Programm in unserem Jubiläumskonzert im Großen Sendesaal des Landesfunkhauses am Maschsee miterleben, es wurde zu einem besonderen Ereignis mit viel Lob aus dem Kreis unserer Zuhörer.

Laßt uns in diesem Geiste und mit ähnlichen Aktivitäten - fröhlich, aber diszipliniert gemeinsam weiter musizieren! Musik verbindet - in jeder Beziehung!

Peter Greulich


(Quelle: Festschrift zum 125-jährigen Jubiläum)

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   Stand 03. 02. 2011